24.12.13

prinz: vergessen

"Would you like to have three daughters, Miss Gibbon?"
"What I have had is three pupils, Mr. Mowbray. And they have been enough for me."
"But you must have imagined other things. You must have imagined yourself married. Every woman has done so."
"Well, I daresay I did when I was young. I thought the fairy prince would come along, and forgot about him as I grew older. I think that happens to a good many of us."
"Perhaps it was the fairy prince who forgot," murmured Audrey.
"What did you say?" said Miles.
"Oh, noghing, Father."
"Come, you should not whisper. Tell us what you said."
"I said it was perhaps the fairy prince who forgot," said Audrey, in a distinct tone, as though he should have what he insisted on.
"Ah, well, I suppose he did. Ah, ha! Well, I suppose so. I don’t know, of course. What do you say to it, Miss Gibbon?"
"I have already said, Mr. Mowbrey. I forgot about him, as I grew older."
"Well, that was only fair, as he forgot about you. Perhaps you had no need of each other."

ivy compton-burnett: a father and his fate. 1957: 14.

> froschprinz > panik > lebensplanung > ou mallon
 

18.01.10

rente

bei gewissen leuten fragt man sich: bekommen die für ihre gefühls- und kommunikationsbehinderung eigentlich eine rente?

> ungewiss > kein kommentar > negative capability

31.12.09

aufräumen

es gibt leute, die nehmen das jahresende zum anlass, um aufzuräumen. also jetzt nicht im gegenständlichen sinn, den estrich aufräumen zum beispiel, sondern mehr so mental: sie lassen die vergangenen 365 tage revue passieren und stolpern dabei über das eine oder andere dings, so unausgesprochenes zeux, das einen quält, weil es einen damals vor sounsovielen wochen oder monaten verletzt und empört hat: etwas insichhineingefressenes, und jetzt, am 31.12.soundso ist also zeit, damit aufzuräumen. solche leute teilen einem das dann am telefon mit: du, ich habe da grad ein bisschen aufgeräumt, also mit dem letzten jahr, und da ist noch etwas, das mich beschäftigt und das ich mit dir besprechen möchte. und dann besprechen sie das mit einem oder mit sich, wie man will, also psychohygiene: sie möchten das jetzt einfach mal loswerden. selber ist man dann natürlich bitz überrumpelt, weil da hat man immer irgendwie anständig miteinander verkehrt und hat nie daran gedacht, dass da im hintergrund etwas schwelen könnte, etwas, was gegenseitigen kontakt eigentlich verunmöglicht hätte, so dass jeder kontakt ex post nun als akt der selbstüberwindung auf seiten des aufräumers erscheinen muss.

man entschuldigt sich dann natürlich und rechtfertigt sich ein bisschen und schluckt die eigene entrüstung irgendwie hinunter: put the blame on me! ob man wohl die einzige person ist, die aufgeräumt werden muss am stichtag? der einzige dreck vom vergangenen jahr? tja, und irgendwie mag man im neuen jahr dann leider nicht mehr grad so vertrauensvoll und ungestüm beziehungspflege betreiben: man könnte ja am ende schwupps wieder unter den teppich gekehrt werden.

> re:kapitulation > erklärung > altlasten > zeitverzögerung > global village idiot > ad acta!

...und friede auf ärden auf äärden

weihnachten: fest der widersprüche. auf der einen seite das familiending (man erinnert sich wieder, man hat papi und mami, stief- oder adoptiveltern, grosseltern, onkel, tanten, ein kind, geschwister und dergleichen), auf der anderen seite der christliche hintergrund. von dem mann, der damals die händler und geldwechsler aus dem tempel gejagt hat (konsum ade), und dessen geburtstag man feiert, ist ja der satz überliefert: "denn ich bin gekommen, den menschen zu entzweien mit seinem vater und die tochter mit ihrer mutter und die schwiegertochter mit ihrer schwiegermutter; und des menschen feinde werden seine hausgenossen sein." (matthäus 10.35-36). und dann eben die grosse frage: soll man sich jetzt streiten an weihnachten oder nicht, und was ist christlicher.

> existenzrisiko und prävention > sozialanarchie > exegese > argument > archive und kinder > vater, erzähl noch einen witz!

30.12.09

einkauf

hin und wieder überkommt einen diese lust, die eine oder andere anschaffung zu tätigen. so zeux, wo man schon lange gedacht hat, das wär eigentlich noch nett, wenn man da so ein tuch vor dem fenster hätte zum beispiel (man lernt dann schnell: die auswahl ist gross: raffrollo, plissee, jalousie, lamellenvorhang, markise oder flächenvorhang). oder ein sofa, das auch ein bett werden kann, oder ein paar neue küchenstühle. schön ist, wenn man in der s-bahn zur ikea in einem herumliegenden 20minuten sein horoskop und damit den folgenden satz lesen kann: "es spricht überhaupt nichts dagegen, eine grössere investition zu tätigen. allerdings sollten sie sich über die bedingungen vorher bestens informieren. so vermeiden sie negative zwischenfälle." (30.12.2009). lebenshilfe zum richtigen zeitpunkt.

> headless rider, headless horse > konsum 

25.12.09

synkope: wurzel aus 4

ich hatte mir da letzthin im traum wieder mal was erklärt (nachts erlebt man ja die wenigen erleuchtungsmomente, die ein leben im 21. jahrhundert so hergibt). in diesem traum fand ein kolloquium statt, in kleinem rahmen, 10 leute um einen tisch. zur diskussion stand ein musikwissenschaftliches thema, man analysierte ein stück, reihum machten die professoren schöne philosophische bemerkungen, die alle mehr auf sich selbst als auf das stück bezug nahmen. als die reihe an den hageren typ am oberen tischende kam, den keiner kannte, spielte der auf einem ungeheuer schlechten kleinen e-piano die letzte passage des stücks nochmal vor - ein musiker also, ein mann vom fach - und als er geendet hatte, machte die frau neben ihm ein paar halblaute bemerkungen zu ihm, so in der art: das müssen wir dann nochmals anschauen. seine lehrerin also. man wusste dann nicht so recht, ob man jetzt klatschen soll (ein paar ansätze verebbten leise wieder), kurze unsicherheit, aber dann begann der typ zu erklären: er habe das nur gespielt, um auf diese synkope hinzuweisen, takt soundso, bevor dann der fulminante schluss kommt.

der komponist habe da ja im originalentwurf eine wurzel vier über die synkopierte pause geschrieben, etwas, woraus niemand je schlau geworden sei, weshalb sie auch in den modernen ausgaben überhaupt nicht mehr erscheine. er wolle nun eine interpretation dieser wurzel vier geben. um es kurz zu machen: der komponist habe damit anzeigen wollen, dass die länge der pause nicht numerisch festgehalten werden könne und auch nicht einer klassischen synkope entspreche; das uninterpretierbare längezeichen heisse gerade, dass man je nach situation adäquat interpretieren soll. wurzel aus vier: das sei die zeit, in der man atem hole, wenn einem etwas ungewöhnliches begegnet - kein stummer schreck, aber ein inneres sammeln, luftholen, ausholen zu einer antwort: zum fulminanten schlussteil eben. wurzel vier, das sei, wie wenn etwas geliefert werde, das man nicht bestellt hat, da stehen die lieferanten unter der tür, kommen herein, stellen ein riesenpaket ab, und dann erst ist man fähig, etwas zu sagen, damit sie das zeux wieder einpacken. es handelt sich um diesen kurzen, manchmal auch etwas längeren moment, wo etwas geschehen ist und nachher etwas neues kommt und dazwischen eben: nicht nichts, keine totale leere, kein schwarzes loch, sondern eine bestimmte qualität, ein innehalten, eine nicht bestellte lieferung.

> konzept > implosion > explosion > pro und contra > technokratie und phantasma > break

21.08.09

plot point

plot point, peripetie: aus glück wird unglück, aus unglück wird glück, alles eine frage der situation, der sozialkombination und des standpunktes. das leben ist eine tragödie, aber es kommt dann halt kein fulminanter schluss nach soundsovielen akten, sondern immer wieder glück und unglück und plot point, bis zum endgültigen ende.

> eine kette von verlusten > froschprinz > ring ring goes the bell > point

02.08.09

ein wetter

wenn man zufällig grad auf dem see ist, wenn so ein unwetter kommt (also das, was bei wolf haas schlicht "ein wetter" heisst, siehe das wetter vor 15 jahren), dann hatte man glück. denn auf dem see ist sowas meist ziemlich schön: regenvorhänge, nebelschwaden und die kimm ein schmaler streifen zwischen meilen und halbinsel au, als käme dahinter die offene see. manchmal hockt man aber zuhause während draussen die welt untergeht, ein regen, dass man denkt, das hört gar nie mehr auf. und natürlich erwischt einen so ein regen meist völlig unvorbereitet, man hat sich nicht mit dvd eingedeckt, hat überhaupt vergessen einzukaufen, kann also nicht mal was kompliziertes kochen, sondern sitzt dann so da und denkt: entweder fange ich jetzt an einen roman zu schreiben, oder dann geh ich wieder ins bett. und dann geht man wieder ins bett.





> müde bin ich > ZZZetera, et > lost and found dept. > läuft kein gangsterfilm im kino?
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29.07.09

eine kette von verlusten

das leben ist eine kette von verlusten. teddybär weg, kindergeburtstagsfeier weg (wann hat man eigentlich damit aufgehört?), das segelschiff wurde verkauft, unschuld verloren, freunde weg, gestorben, verschollen, träume begraben und überhaupt: irgendwie ist man permanent am abreisen. was bleibt, ist das kleine bisschen heute. gegenwart, ein seltsamer zeitbegriff: so ein kleiner flüchtiger moment zwischen schon vorbei und noch nicht angefangen, und doch eben das einzig beständige und verlässliche: hier, jetzt. und wenn man sich das mal so recht verinnerlicht, wird es einem ganz unverständlich, wie man sein leben z.b. irgend einer sache, einem höheren ziel widmen kann, oder sagen wir: der allgemeinheit. 

da sass ich z.b. letzthin mit einer jungen mutter am selben tisch an einer hochzeitsgesellschaft, und ich kannte sie flüchtig von früher, und wie das so ist: sie hat jetzt vier kinder oder fünf, so genau weiss ich das nicht mehr, und ist musikerin und ihr mann ist auch musiker, und beide hochaktiv mit konzerten und schülern und proben und kinder aus der krippe abholen, kindervelos kaufen und wäsche machen und üben und so, ein bunter haushalt, wirklich nett. und natürlich fragt sie mich dann irgendwann aus purer freundlichkeit, was ich denn so mache, und ich bitz sprachlos, weil: ereignisloses leben. aufstehen, essen, diss schreiben, essen, ärmliliegen, ab und zu ein kafi mit g., und so gehen die tage ins land. und dann schaut mich die vier-oder-fünffache mutter mit einem blick zwischen mitleid und verständnis an und sagt in allem ernst: "ja, es gibt ja noch andere wichtige aufgaben in der gesellschaft." ich vergass zu präzisieren, dass ich meine diss nicht für die gesellschaft schreibe, und dass mir ihre vier oder fünf kinder leid tun, falls sie sie für die gesellschaft grosszieht, und auch die musik tut mir leid: schade drum, der gesellschaft ist es nämlich wurscht. mit was für altruistischen gedanken die leute so ihr ganz persönliches glück legitimieren, ist zuweilen schon sehr wunderlich. also nicht, dass sie die kinder dann auch wirklich mit der allgemeinheit bitz teilen würden oder so, quasi hier, nimm doch mal, im gegenteil: da ist man dann ganz possessiv, ist das kind noch da und die anderen kinder und fehlt ihnen auch nichts und packen wir sie dann rechtzeitig wieder ein, um sie zuhause ins bett zu stecken.

> hop frog! > verifizierbarkeit > no, i'm not! > gruselgeschichten aus dem alltag

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01.07.09

curriculum

man fragt sich ja bitz, wieso am anfang der lebenslaufbahn ein maximum an speed herausgeholt werden muss, wenn die menschlein am oberen ende gleichzeitig zehn, zwanzig jahre älter werden als ihre grosseltern, kurz: wieso man mit 24 bereits mit dem doktor von der uni abgehen soll, nur um später dann aktivrentner zu werden. wohlgemerkt: in der mitte ändert sich nicht viel, ausser dass da jetzt alles doppelt platz hat: erstausbildung, zweitausbildung, erste familie, scheidung, zweite familie, wo dann die zweiten frauen mit den töchtern der ersten frauen ganz gut klar kommen, weil: gleiche generation. und dann natürlich geld verdienen, hypothek, alimente, kindergeburtstag, zweitausbildung der ersten frau, erstausbildung der zweiten frau etc., so dass man sich dann verdienterweise mit 59 aus dem arbeitsleben zurückzieht, um eben z.b. im ballonseidenen anzug (partnerlook) am loire-ufer entlangzuradeln. natürlich hätte man jetzt zeit ein wenig nachzudenken und sich eher auf die intellektuellen dinge zu konzentrieren, aber blöd, irgendwie hätte man das früher üben sollen. es ist eben mit dem geist wie mit der seele: sie haben ihren eigenen modus und mögen es nicht, wenn man sie nach dem jugendparforceritt direkt an die algarve katapultiert.

> la vie, l'amour > mr. x-acto > global village idiot
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30.06.09

territorium

es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich die menschlein mit ihren paar quadratmetern privatterritorium umgehen. die einen verbarrikadieren sich mit wasauchimmer: bücher, sammlungen, antikmöbel etc., andere arbeiten an der auflösung des privaten: spiegelglatte böden, designermöbel, perfekt aufeinander abgestimmte innenarchitektur und ansonsten so viel nichts wie nur irgend möglich - prinzip schöner wohnen -, und wieder andere mögen es eher so, dass es dritten da auch noch wohl sein könnte: freundlicher wohnraum. und jetzt natürlich die grosse frage: was ist das. unterschiedliche ansichten von freundlichkeit. glücklich geteilter raum ist selten.

> schmutz (and some implications going with it)
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21.06.09

pro und contra

es gibt ja immer wieder situationen im leben, da muss man sich irgendwann entscheiden: ja oder nein. weil so ein bisschen geht nicht. und natürlich gibt es dann auch diese grundsatzdiskussionen, ob nun das eine oder das andere besser, vernünftiger, korrekter, adäquater ist, denn wo man sich entscheiden muss, findet man immer vertreter beider seiten, darunter auch solche, die ein wenig fundamentalistisch werden und meinen, ihr entscheid lasse sich verallgemeinern, sprich: mission. drum hängen dann z.b. so plakate in der stadt, wo draufsteht: "familie - gottes wunderbarer plan", darunter abgebildet mann, frau, bube, mädchen, klare message.

irgendjemand streicht dann natürlich gottes durch und schreibt darwins hin: korrektur. jetzt kann es aber natürlich sein, dass - egal von wem der generalplan stammt - die durchführung auf das eine oder andere hindernis stösst: falsche zeit, falsche frau oder wasauchimmer, kind da aber keine zeit, zeit aber kein kind, fehlende infrastruktur, falsche sexuelle ausrichtung, fehlende spermienproduktion der männlichen bevölkerung im reproduktionsfähigen alter, fehlende empfängis bei den weiblein etc. etc., und schon verlagert sich die grundsatzdiskussion auf eine andere ebene: partnerschaftsannonce oder singleparty? invitrofertilisation oder samenspende? adoption oder dink? und dann eben das dilemma, wenn der eine findet heiraten ja, aber kind nein, adoption ja, aber samenspende nein, und schon hat man das desaster. das ist wie mit der haustierfrage, da stehen die einen mehr auf hunde, die anderen vertragen sich besser mit katzen, oder wie beim grillen: gas oder kohle, und da hilft dann eben auch darwin nicht weiter.

> gott (und elvis) > alphakatze > tropenkopf > de l'amour > also ich...
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14.05.09

demokratie

über geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten, alte indianerweisheit. es gibt z.b. leute, die sich den teufel (oder irgend einen ritter aus einem computergame, das ich nicht kenne: egal) auf den balkon stellen, wo er die nachbarn erschrecken soll oder sowas. aber da soll sich jeder so ganz nach seinem gusto einrichten dürfen, mit teufel und wasauchimmer. zum beispiel bei google zürich, da durften die mitarbeiter wünschen, in was für einer umgebung sie denn so arbeiten möchten. und was ist dabei herausgekommen? beach-feeling mit hängematten, bunte farbenpracht wie im ikea kinderparadies, eine mischung aus dschungel, lifestyle und spielplatz. prima sache, da muss einem das herz bestimmt jeden morgen höher schlagen, wenn man ankommt: hurra! endlich wieder ein wenig schaukeln und versteckis spielen und gute ideen haben! es geht doch nichts über selbstbestimmung und mitsprache, wozu all die profis, wo ihnen dann nur chromstahl und kunstambau in den sinn kommt. in hamburg z.b., gleich oberhalb des hafens, da haben die quartierbewohner mal mitreden dürfen bei der gestaltung eines parks. und da ist jetzt alles so bitz schief und es hat verschlungene wege zwischen dem sauber gemähten rasen, die führen alle nirgendwohin (und drum spaziert auch nie einer drauf), und auf dem sauberen rasen hat's: palmen! hurra, südseefeeling trotz feuchtem nieselregen! wer will ihnen das schon verargen. wahrscheinlich hat ihnen keiner von den architekten-raumplaner verraten, was sich der nachbar gewünscht hat, so dass man die geschmacksrichtungen bitz hätte koordinieren können. der teufel steckt im detail.



pix: stapferstrasse, zürich

> ein paar bemerkungen zur baukunst > accessoires > tropenkopf > auktion
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13.05.09

erziehung

einwanderer der zweiten generation sind ja meist die besseren autochthonen. die werden grenzpolizist, wählen svp und leben im modus der permanenten überanpassung (grüezi, grüezi). ähnlich ist es mit den konvertiten. sind die eifrigsten gläubigen. ich mein, wenn man das mit dem glauben schon so bitz als kleinkind mitbekommen hat, dann gewöhnt man sich entweder unbeschwert daran oder man wird so ungläubig wie es nur geht. man denke da z.b. an wolf haas. aufgewachsen in maria alm, quasi nomen est omen, als er zehn war, haben ihn die eltern nach salzburg geschickt, in ein katholisches privatgymnasium, und jetzt lese man mal seine krimis. oder l. p. hartley: was seine mutter, mary elisabeth, so gemacht hat, weiss man nicht, aber sein vater war antwalt und methodist, "who passed his morality and emphasis on individual moral responsibility on to his son" - den effekt kann man im "go-between" nachlesen. oder kjell askildsen, dieser norwegische schriftsteller, der ein wenig aussieht wie beckett, auf riksmål schreibt, aber ein paar sachen sind auch übersetzt worden, für wen's interessiert - interessiert ja eh keinen. sein vater ist ihm, nachdem er ihm einen erzählband von sich geschenkt hat, mal auf der gegenfahrbahn entgegengekommen (in norwegen, so auf dem land, hat es wohl nicht viel verkehr, da erkennt man das auto vom vater noch, wenn es einem entgegenkommt), hat angehalten, das fenster runtergekurbelt, und zum sohn gesagt: danke für das buch. ich hab's dann übrigens verbrannt. jetzt muss man wissen: der vater arbeitete beim ordnungsamt und war mitglied mehrerer christlichen organisationen, und in den geschichten, die sein kjell schreibt, passiert halt meist nicht viel, ausser das, was so passiert, wenn die menschen zusammensind aus irgendeinem grund: sie geben sich ein wenig mühe, wenn es hoch kommt, mögen sich mehr oder weniger (meistens weniger), schauen dem alltag tapfer in die fratze, und ab und zu kommt bitz erotik auf (meist am falschen ort, zur falschen zeit). und nun meine these: dass das alles so schaurig präzis und ohne jede pietistische sublimation geschrieben ist, hat der kjell wohl ebensosehr seinem christlichen elternhaus zu verdanken, wie die mitteilung seines vaters über die bücherverbrennung - kind: auf den scheiterhaufen damit! - so von autofenster zu autofenster. so dass man versucht ist zu sagen: schickt eure kinder in die kirche! da lernen sie noch was für's leben.


"ich überlasse es also dem geneigten leser, am ende zu entscheiden, was das eigentliche anliegen dieses buchs ist: den eltern zur tyrannei zu raten oder die kinder für ihren ungehorsam zu belohnen." (jeane austen, northanger abbey)

> pietät > gott und elvis > tropenkopf > pfläschterli > grossvater, > aufklärung
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06.05.09

wunder des alltags

immer wenn ich jemanden treffe, der in dem, was er oder sie macht, ein profi ist, und dabei noch spass zu haben scheint, bin ich ganz hingerissen. leidenschaft ist ja eher rar. irgendwann einmal (wann eigentlich?) hat sich die annahme durchgesetzt, dass sich ernsthaftigkeit und witz, körperlichkeit und intelligenz, präzisionsarbeit und elan nicht vertragen. und immer, wenn ich jemanden treffe, der sich da bitz gegen den trend verhält, dann ist es wie früher als kind, als mich noch so ein erhabenes gefühl ergriff, wenn ich nach der sonntagsschule wieder ans tageslicht trat (also bevor ich mich definitiv vom lieben gott verabschiedet habe oder er sich von mir, je nachdem wie man es anschaut), als wörter wie WOHLTÄTIGKEIT und GNADE noch ein gewisses elektrisierendes potential hatten und ich überhaupt dem, was man so alltag nennt, noch wunder zutraute. und jetzt schaut man also irgendjemandem bei irgendetwas zu und ahnt auf einmal: ein wunder! und möchte das auch können, möchte auch so schlafwandlerisch sicher, so mutig und präzise und konzentriert und gleichzeitig so leicht und zeitvergessen lustvoll bei der sache sein.



> WELT > identität > KUNST > mantra > wissen/können
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27.04.09

berühmt

es gibt dinge, da weiss man nicht, wieso sie berühmt geworden sind. ein unfall wahrscheinlich, irgend ein missverständnis, richtige zeit, falscher ort, ein bisschen extravaganz seitens des autors/interpreten und schwupps sind sie ein "referenzwerk" oder eine "meistereinspielung" und man bringt das fast nicht mehr weg.

> jean paul, des luftschiffers giannozzo seebuch > es nachtet > baroque (low context) > baroque (high context) > keine ahnung, aber trotzdem > proof
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31.03.09

fortschritt, demonstriert an einem meteorologischen beispiel

mittelfristprognosen vom 31. märz 2009 (ein dienstag)

heute: sonnig, gelegentlich hohe wolkenfelder, 14°
mittwoch: sonnig, zeitweise wolkenfelder, 15°
donnerstag: ziemlich sonnig, 16°
freitag: ziemlich sonnig, 17°
samstag: meist sonnig, 18°
sonntag: sonnig, 19°

> hi, how are you? > woraus ein leben so besteht > balance > ei ente resultat > perpetuum mobile
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30.03.09

pamphlet für eine konsequente anwendung der 99%-regel

es gibt immer wieder leute, die sich wundern, dass ich mein velo unabgeschlossen vor dem quartierladen stehen lasse, dass ich meine wäsche unbeaufsichtigt im garten trocknen lasse, dass ich meine wohnung über nacht nicht abschliesse, dass mein briefkasten aus der ära vor der erfindung des briefkastenschlüssels stammt oder dass ich säcke voller bücher vor der mensa deponiere, weil ich schlicht nicht weiss, wie ich mit so einem sack voller bücher bitte noch ein tablett mit dem tagesmenü inkl. wasserglas irgendwohin tragen soll. die antwort ist einfach: in 99% der fälle wird das velo in den 5 minuten nicht geklaut, hat keiner interesse an meiner unterwäsche, will mich nachts kein nachbar mehr besuchen ohne zu klingeln und kommt auch niemand auf die idee, einen sack voller bücher marke ETH-bibliothek mitzunehmen, zumal es sich vorwiegend um historische medizinische schriften aus der endokrinologie handelt. konsequenterweise ist es mir zu blöd, wegen des 1%-restrisikos meine persönliche freiheit zu beschneiden, der aufwand ist mir schlicht zu gross, der grenznutzen nimmt im bereich der 1%-restrisikoeliminierung rapide ab. und so erlaubt mir das kleine bisschen risiko einen modus vivendi, der mir immer wieder den 99% respektvollen umgang der umwelt mit mir und meinem zeux vor augen führt. was für eine freundliche welt: das velo ist noch da.

> verlust, gewinn > existenzrisiko und prävention > dogmatiker ohne qualitätsbewusstsein > wagon, i fell of the > by saying that i am
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29.03.09

raumplanung und baukunst

letzthin mit dem gottibueb nach dings gefahren, wo wir uns dann erst einmal im agglomerationsdschungel verirrt haben und einen parkwächter, der aussah wie der grossvater von oliver kahn, nach dem weg fragen mussten. schliesslich das gesuchte hallenbad gefunden, das laguna heisst. da kann man sich wunderbar vergnügen, mit rutschbahn und allem. nachher auf direktem weg ins zentrum. der direkte weg führt über eine freistehende wendeltreppe zmitzt im niemandsland, eine wahnsinnsinstallation. müssen wir fotografieren. links irgend ein drittklassiges sportzentrum, rechts nichts (bitz gestrüpp mit abfall drin), hinter uns planungswüste mit breiten fussgängerwegen durch zonen von undefinierbarem nichts, ein paar schuppen, schrebergärten, parkplätze, und geradeaus dann eben dieser turm mit zwei ineinanderverdrehten treppen, je 150 stufen, oben eine kuppe mit aussichtsplattform (über sportplatz, parkplätze, lagerhallen, müll etc.), nachher eine passerelle über die zweispurige strasse (pro richtung eine spur, also das, wo man sonst einen fussgängerstreifen drübermacht), und über diese passerelle kommt man in so nachkriegswohnsiedlungen, dann zur sparkasse, da ist das zentrum, und da gibt's dann auch eine gelateria, wo man glacé essen kann und kafi trinken, mit blick auf palmen, die auf der insel im kreisverkehr stehen. fantasy parks sind so nah!



> das zeitalter der hysterie > männer aus karlsruhe und alleinerziehende mütter > intravaganz (gegenteil von extravaganz) > nietzsche, slightly misinterpreted
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22.03.09

rehas der woche

am samstag wird die arbeitende bevölkerung aus der arbeitswoche gespuckt und muss dann mal 1. auf jagd nach essbarem gehen, 2. wohnung putzen, 3. soziales netzwerk pflegen, 4. ausgehen, sich amüsieren, bier trinken und so weiter und am sonntag muss sie sich von alldem erholen. die sonntage sind die rehas der woche. da macht man dann z.b. einen ausflug auf's land, spaziert von irgendwo nach irgendwo, an den türlersee vielleicht, und macht mal pause. und schaut so bitz den wasservögeln zu, die über das auftauende eis spazieren und lernt: auch bei den vögeln gibt es langsame und schnelle, eher gesellige und selbstdarsteller. letztere führen einem vor, wie schnell sie rennen können, überholen das mittelfeld, legen sich wahnsinnig ins zeug und stehen dann nach dem spurt einfach auf der anderen seite im abseits. so ist das nämlich, wie im richtigen leben.



türlersee, 22. märz 2009

> froschprinz > männer aus karlsruhe und alleinerziehende mütter > wettlauf
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19.03.09

zeitalter der hysterie

fällt sonst noch jemandem diese umsichgreifende anspannung auf, die da draussen herrscht? dieses kollektive innere zittern, das dann zuweilen von nervosität in hysterie kippt? aber es ist ja auch wirklich eine schwere zeit, da hat man gemeint, die wende zur postmoderne einigermassen unbeschadet überstanden zu haben, aber nein, es kommt noch postmoderner, amokläufe werden auch hierzulande mode, am besten schickt man seine kinder gar nicht mehr zur schule, höchstens noch in eine elitesonderschule, oder noch besser: man hat gar keine kinder mehr. das einzige problem der kinderlosen übervierzigjährigen sind die wochenenden. da muss man sich dann schon entweder ein ganz aufwendiges hobby zulegen oder freiberuflicher workoholic sein oder ein ferienhaus haben an einem ganz abgelegenen ort, damit die hin- und rückreise so richtig zu buche schlägt.

das schöne am zeitalter der hysterie ist, dass die hysterie neuerdings geschlechtermässig ziemlich ausgewogen verteilt ist. will heissen: auch männchen werden befallen. vielleicht sogar ein wenig mehr männchen als weibchen, weil die weibchen das auf die pubertät verlegen, wo sie in hohen tönen kreischen, nachdem sie die barbie entsorgt haben (barbie hatte ja geburtstag, kurz nach dem frauentag, wie passend, und wurde 50! und sieht immer noch blendend aus! eine würdigung von sibylle berg hier). und was machen die buben unterdessen, statt prinz oder wenigstens indianer zu spielen? sie fallen in autistisches schweigen und heben sich die hysterie auf später auf, eben.

> alphakatze > angst und schrecken > chillout > sitting fool über die art karlsruhe > bonus, boni
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08.03.09

archaische gefühlsregungen

wir erleben einen literarischen boom archaischer gefühlsregungen. wann der aufschwung begann, weiss ich nicht, aber setzen wir doch mit toni morrison ein, die 2003 ein buch mit dem fulminanten titel "love" veröffentlichte. es wurde in der buchkritikerwelt wohlwollend aufgenommen, ist also nicht zu verwechseln mit einem kioskroman. es handelt von macht und güte, verrat, verlangen, verlust von unschuld und spielt - nicht ganz uninteressant - während der depression der 1930er jahre. soviel zur liebe. 2006 kommt peter sloterdijk mit "zorn und zeit" und feiert das wütendsein als anthropologische konstante, die wir in unserer "posthistorischen" gegenwart aber leider verlernt haben. daher also nur schlappe menschen, wohin man auch blickt (mal abgesehen von islamistischen selbstmordatentätern). schuld daran seien christentum, psychoanalyse und die allgemeine eros-versessenheit (siehe morrison), er empfiehlt als gegenmittel, wieder bitz wütend und aggressiv zu werden. das finden wir so gut, dass wir ihm grad den essay-preis charles veillon verleihen (ich dachte immer, das sei ein mode-katalog). an einer podiumsdiskussion zum thema gewalt, organisiert von der nzz, gab j. ph. reemtsma zu protokoll: "gewalt gehört zum menschsein"; "das prinzip hoffnung" sei unbrauchbar. aber das hat glaubs schon keiner mehr zur kenntnis gekommen, weil bereits das nächste elementare gefühlswunder gefeiert werden musste: daniel kehlmann veröffentlichte "ruhm". ich mein, wer will schon nur lieben und böse sein, ohne ein wenig glanz und gloria?

> der geist der zeit > survival kit > froschprinz > i fell of the wagon > über die darstellungsweise des subjekts im generalkontext > das ende der kreidezeit
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17.02.09

technokratie und phantasma

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die moderne hat die technokratie und das phantasma zu komplizen gemacht. in den luftschutzbunkern des kalten krieges wohnten die alpträume der kinder, die man hinter den schweren betontüren kartoffeln holen schickte oder eingelagerte skianzüge. die verbraucherdemokratische überlebensoption für den nie eingetretenen ernstfall wurde zum gruselkabinett; die in strategischer bau- und sachlogik entwickelte technische lösung für vernichtungsszenarien schlich sich als wahnfaszinosum in die seelen derer, die damit leben mussten. oder die geschichte mit dem mähdrescher, wenn man verbotenerweise ins maisfeld gegangen ist, sich bitz desorientieren zwischen den hohen stängeln, schätze vergraben und das eine oder andere geheimnis austauschen. schöne lustangst! er könnte jederzeit auftauchen, ein riesiges ungetüm, und einen niedermähen. die stumme frage (eher ein befinden), was man denn im luftschutzraum so machen würde den ganzen tag, oder wie es wäre, wenn der mähdrescher tatsächlich käme, ähnelt dem ehrfürchtigen sakralen sichgottergeben angesichts von verborgenen mächten, die grösser sind als wir selbst. gott war nicht tot lieber nietzsche, er war betontür, mähdrescher.

aber dann, am ende der moderne, im zeitalter des flexiblen menschen: die projektionen einer nicht mehr steuerbaren welt. wohin mit den phantasien, wenn alles zum szenario geworden ist, zum experiment im realmassstab, zum modell einer wirklichkeit, die nicht einmal mehr als gedankenspiel interessiert?

pix: treppe auf der mauer 2, zürich, februar 2009

> spekulation für anfänger > survival kit > überwachungshammer > eigentum verpflichtet
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14.02.09

froschprinz

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dass aus fröschen prinzen werden, ist äusserst selten: metamorphosen sind meist einfach mehr oder weniger geglückte täuschungsmanöver. in der regel bleiben alle was sie sind. und vermehren sich oder sterben aus (ich meinerseits sterbe eher aus).


> ovid im alltag > kunst > fehlleistung > hi, how are you?
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01.02.09

schweizer mittelland

ich mag das schweizer mittelland. nicht wegen der besonders schönen kulturlandschaft, auch nicht wegen der weltläufigkeit seiner bewohner, sondern wegen der wunderbaren flur- und ortschaftsnamen. kölliken. gunzgen. bünztal (da hat's auch einen fluss oder sonst ein gewässer: die bünz, das erfährt man, wenn man auf der autobahn darüberfährt, sie haben extra eine tafel aufgestellt: bünz). ober- und niederbipp, starrkirch-wil und wil bei starrkirch. nieder- und obergösgen, wöschnau (nähe niedergösgen) und hunzenschwil. da müssen bodenständige leute wohnen, die irgendwie mit sich und der welt im reinen sind, echte hunzenschwiler eben. und dann dottikon und hinter dottikon kommt nur noch maiengrüen und igelweid. nach igelweid möcht ich gern mal einen ausflug machen, und auf dem rückweg dann über sulz bei künten. und dann in die beiz und ein sülzli essen und der servierdüse sagen, dass das jetzt schon noch lustig sei, in sulz ein sülzli essen, und das hört sie dann nicht zum ersten mal, aber sie bleibt trotz allem freundlich, eine echte, eingefleischte sulzerin halt, bei künten.

ps.: in frankreich, irgendwo in der ardèche glaubs, bin ich mal in ein kaff gekommen, das hiess chapeauroux: rotkäppli.

pps.: das dorf wo ich herkomme, bzw. meine eltern, heisst gontenschwil, und mein vater hat immer sehr schön gesagt: wir fahren nach gondchandeville.

> schweiz, so schön! > die wüste lebt! > wer das bloss alles erfunden hat? > poesie im alltag > art metropole paris > clearwater beach > balance > global village idiot
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17.01.09

die schönheit von sätzen

ich sehe ein, dass ich in meinem fach nie ein profi werde. ein grund dafür ist, dass ich keinen text (auch kein "werk", geschweige denn eine ganze "wissenschaftliche strömung") als kohärentes ganzes lesen kann. ich sehe immer nur sätze. sätze sind schön, find ich. in ihnen wohnen nackte aussagen und gleichzeitig haben sie suggestives potential. ich mochte immer die bücher, in denen man irgendwo einen beliebigen satz lesen konnte und er war wie ein aphorismus: einsam und stark. mehr als sätze zu sehen wäre in der wissenschaft aber bitter nötig im hinblick auf ein wenig übersicht und damit man sich dann selbst in diesem einmal erkannten forschungsfeld verorten könnte (verorten: ein beliebtes akademiker-wort, dessen bedeutung sich mir nicht wirklich erschliesst, ich mein, orten wäre ja noch einleuchtend: aha, hier bin ich! aber was soll das präfix?). dann könnte man endlich mal pflöcke einschlagen, wie es so schön heisst: hier, ein pflock, und dann mutig vorwärts, flankiert von einem statistenheer ähnlich gesinnter. ich will aber nicht zur zirkustruppe. es ist mir auch völlig egal, ob mein salto besser ist als der pürzelbaum von irgend jemand anderem. mir geht dieses breit abgesicherte, zielstrebige argumentieren leider ab, ich kann es nicht.

> über die darstellungsweise des subjekts im generalkontext > überraschungsei > ex cerpt > periplus >hilfi! > time machine, revertebrated > para
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12.01.09

spekulation für anfänger

märchen werden wahr. zum beispiel das vom goldesel. es hat in der finanzindustrie so vielversprechende namen wie forward, future, warrant, swap oder option und funktioniert, wie ich mir habe beibringen lassen, nach dem system der wette. zum beispiel der credit default swap, ursprünglich eine art kreditversicherung. da kaufe ich eine obligation, leihe also einer firma für eine bestimmte zeit einen bestimmten betrag und erhalte dafür einen festen zins. das ist ja so die urtümlichste form von kapitalinvestition und wohl eine der sichersten, solange die firma, der ich mein geld leihe, nicht zahlungsunfähig wird. könnte sie ja aber. um dann mein investiertes kapital nicht zu verlieren, versichere ich bei einer dritten instanz den betrag, den ich ihr ausgeliehen habe und die übernimmt jetzt gegen einen zins das risiko - je maroder die betreffende firma, desto höher das risiko, desto grösser der zins: da lässt sich schön geld scheffeln. geht die firma hopps, erhält sie mein wertloses wertpapier und zahlt mir mein kapital zurück. prima sache also, mit lauter gewinner, solange alles schön sauber funktioniert und die leute brav kaufen, was die firma produziert, der ich mein geld geliehen habe, so dass sie nicht zahlungsunfähig wird und keiner dafür gerade stehen muss. da solche swaps over-the-counter-geschäfte sind, ohne jede transparenz, kam irgend jemand irgendwann auf die idee, eine versicherung abzuschliessen für einen betrag, den er gar nicht investiert hat. interessiert ja eh keinen. der versicherer bekommt seine prämie und falls die firma hopps geht, muss er den vereinbarten betrag auszahlen, ausser er hat selbst wiederum dafür bei irgendwem eine versicherung abgeschlossen. schnell fingen die leute an, wie wild versicherungen zu kaufen für kredite, die sie gar nie gegeben haben, und umgekehrt gaben grosse finanzinstitute garantien auf beträge, die sie selbst gar nicht besassen, unzählige leute spekulierten also mit dem zukünftigen aufstieg oder niedergang einer firma, und das war dann also etwa so, wie wenn ein ganzes dorf eine brandversicherung abschliesst für ein haus, das keinem gehört, und wenn es dann brennt, dann bekommen alle ein haus.

und werden da am ende nicht wetten über die menschen abgeschlossen? über die dummen, die noch arbeiten? oder wie es bei jean paul heisst: «mit dem mädchen wirds ohnehin wenig mehr, es liegt als totes kapital da und verzinset sich schlecht.» (titan, p. 495)

> existenzrisiko und prävention > es nachtet > the descent of man > zutreffendes bitte ankreuzen > über die wundersame vermehrung von brot und fisch (johannes 6, 1-15)
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08.12.08

horkheimer über geld

"Es gilt, einen grossen Irrtum zu beseitigen: Die Kritik der Gesellschaft, die seit dem 16. Jahrhundert, vor allem in der Aufklärung, bürgerlich war, ist mit Marx nicht etwa unbürgerlich oder sozialistisch oder gar 'proletarisch' geworden, sondern durchaus bürgerlich geblieben, sie ist ihrem Wesen nach bürgerlich. In der sozialdemokratischen Politik, Parteidisziplin, Demonstrations- und Streiktaktik, vom östlichen Bürokratismus ganz zu schweigen, ist von jenem individualistischen Geist auch nichts mehr zu spüren. Zu ihm gehörte einmal auch - das Geld. Dass Montaigne, Voltaire, Marx und alle die anderen - Kant eingeschlossen - so schreiben konnten, hing damit zusammen, dass sowohl die Klasse als ganze, der sie angehörten, wie eben dadurch auch der Einzelne, der in finanziell geschützter Lage aufwuchs und irgend dazugehörte und 'etwas war', die Sicherheit des bürgerlichen Staates genoss. Geld war so sehr die entscheidende Macht, dass bloss die Notdurft, die Armut, der Diebstahl - nicht die Praktizierung der Gedankenfreiheit - sträflich schienen. Das gilt bis zur Französischen Revolution natürlich cum grano salis, es gab ja die Scheiterhaufen, aber selbst denen konnte - in steigendem Masse - der Vermögende sich entziehen. Notfalls war England schon fortgeschritten genug - oder Potsdam, wenn es nicht anders ging. Heute, mit dem Auseinandertreten von Verfügungsgewalt und mittlerem Eigentum, schwindet die Unabhängigkeit der Einzelnen, sie verliert ihre gesellschaftliche Bedeutung, die durchs Geld geschützten Individuen verkörpern Funktionen des Bestehenden, verschmelzen mit ihnen. Die dauernden Inflationen, der schwindende Realwert brechen die fortschrittliche Rolle des Geldes, es verliert seine Rolle als Fetisch - und damit zugleich seine wohltätige Kraft. Indem es alles beherrscht, gibt es zugleich auch sein spezifisches Wesen auf."

max horkheimer: notizen 1949-1969, gesammelte schriften bd. 6. frankfurt a.m. 1991: 263f.

> häresie > postmodern > kritik und krise > gnostiker > agnostiker
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02.12.08

viola da gamba


jean rousseau (also nicht der genfer philosoph und pädagoge jean-jacques, der 13 jahre nach dem tod jenes jeans zur welt gekommen ist, von dem hier die rede ist), jean rousseau also, französischer gambist und musiktheoretiker, sohn eines knopfverkäufers, hat 1687 ein wunderschönes büchlein verfasst mit dem titel: traité de la viole: eine abhandlung über die gambe und das gambenspiel. die schrift ist weit mehr als ein schlichtes lehrwerk. sie enthält neben einer einführung in spieltechnik, stimmungen, harmonielehre und verzierungen (sowie einem übersichtlichen anhang zur transposition in die jeweils höhere bzw. tiefere tonart) auch eine «dissertation sur l'origine de la viole». denn entgegen der landläufigen annahme, die gambe sei im gegensatz zur laute oder zur zupfgeige eine relativ neue erfindung (also damals, im frankreich des 17. jahrhunderts), sei sie in wirklichkeit eines der ältesten, archaischsten instrumente.

mit einem philosophischen raisonnement tritt rousseau dann den beweis zu dieser behauptung an. woher kommen denn die instrumente? die menschen haben sie selbstverständlich gebaut, um die natur zu imitieren (und dass sie auf diese idee gekommen sind, hat etwas mit der verbotenen frucht zu tun und wie sie damit gott ähnlich geworden sind, damals im paradis, und dann eben bitz schöpferisch tätig werden wollten wie er). und was wäre da naheliegender gewesen, als zuerst einmal die menschliche stimme zu imitieren?
"sur ce principe je dis que les premiers hommes s'estant attachez à imiter la voix humaine par l'artifice de plusieurs Instruments faits de differentes manieres, cherchoient sans doute celuy qui l'imiteroit mieux, & comme on ne peut contester que jamais instrument n'en a aproché de plus prés que la viole, qui ne differe seulement de la voix humaine qu'en ce qu'elle n'articule pas les paroles, il faut aussi avouer qu'elle estoit dés le commencement du monde l'objet de la recherche des hommes." die gambe kommt auf wunderbare weise der menschlichen stimme am nächsten: sie singt. in ihr manifestiert sich also das ursprüngliche konzept - quod erat demonstrandum.
 

jean rousseau: traité de la viole, 1687 (reprint genève 1975)
pix: ausschnitt aus abraham lambertsz van den tempels: david leeuw mit seiner familie
 
> giovanni francesco caroto > novalis > pierre bayle > jean paul > léautaud
> horribly nice lullabies
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28.11.08

nominalstil oder: a field in the middle of nowhere

es gibt leute, denen es derart schwerfällt, sich prozeduren und prozesse zu denken (also etwas unabgeschlossenes, das aber in eine bestimmte richtung geht, eine tendenz hat, und grammatikalisch am besten mit verbalsätzen wiedergegeben wird), dass sie darob in einen schwerfälligen nominalstil verfallen, der wiederum darüber hinwegtäuschen soll, dass sie nicht zu sagen imstande sind, was tatsächlich passiert. das kommt dann zwar bei denen gut an, die sich von nominal überladenem verwaltungsjargon beeindrucken lassen, alle anderen verstehen allerdings bahnhof. oder wie schopenhauer schrieb: "für stile empesé findet man im deutschen keinen genau entsprechenden ausdruck; desto häufiger aber die sache selbst."

traurig wird die sache, wenn solcherlei inhaltsleere grossspurigkeit an orten gepflegt wird, wo man sich ein wenig syntaktisches feingefühl wünschen würde: an hochschulprofessuren für literatur. da heisst es auf einer homepage kryptisch: "Die Forschungsschwerpunkte der Professur liegen ... auf dem Feld der Interaktion von Wissenskonstitution und Literarizität". also: die schwerpunkte liegen auf einem feld (physikalisch interessant) und auf diesem feld interagiert eine konstitution (von wissen) mit etwas so unvorstellbarem wie literarizität. man fragt sich: zu wieviel nomen ist ein wort fähig? die literarizität ist wohl eine analogiebildung zu elektrizität, aber dann wird es auf dem literarisch-elektrischen feld bitz eng, weil da ja schon das entstehen von wissen agiert und die schwerpunkte der forschung herumliegen. das ganze wird in klammern dann noch erkläutert bzw. präzisiert: "...insbesondere im Bereich der literarischen Tradierung von 'Geheimwissen'". forschung für und über eingeweihte also. wer's nicht versteht: pech gehabt.

schopenhauer: über schriftstellerei und stil. berlin 2003: 56.
link: www.lit.ethz.ch

> PERIPLUS > aerobatischer stil > dogmatiker ohne qualitätsbewusstsein > hirschfaktor > morosophie: de stultitia
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24.11.08

hermine

hermine demoriane ist, wenn sie singt, immer noch die seiltänzerin, die sie in den 70er jahren einmal war (und worüber sie ein buch geschrieben hat: «the tightrope walker»). sie singt sich mit ihrer brüchigen stimme durch ein programm, das sie vorzu erfindet, um dem bisschen publikum, das sich eingefunden hat, einen jener seltenen momente zu schenken, in denen etwas unvorhersehbares passiert : ein lied entsteht. da kann man dann einfach glücklich und traurig sein über das leben und über die welt, die so ein gespenst hervorgebracht hat wie h., die jetzt da steht und ein wenig zittert im goldenen engelskleid und ein wenig fahrig wirkt, aber nie den text vergisst, schlafwandlerisch den moment ausbalanciert. am ende möchten alle die cd kaufen, die sie gemacht hat und die sie mehrfach anpreist, aber sie hat dann nur 13 stück dabei, mehr hatten im köfferli nicht platz.



hermine, el lokal, 23.11.08

> the world on my plates (1982) > lonely at the top (1984) > who'll come walking (2008)
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23.11.08

bademantel

ich habe, in den 10 jahren, in denen ich meine wohnung mit holz geheizt habe, ein inniges verhältnis zu meinem bademantel entwickelt. er war immer dieses flauschige ding, das mich am morgen vom kühlen zimmer (ofen allenfalls noch lauwarm) ins kalte bad begleitet hat, wo man dann den hochpotenten elektroheizstrahler einschalten konnte und unter die warme dusche stehen, um nachher wieder in den bademantel zu schlüpfen und warm eingepackt zurück ins zimmer zu huschen. (unterdessen hat dann der mann in der küche heldenhaft schon mal ein feuer gemacht und kaffee aufgesetzt.) jetzt, wo sich eine permanente laue wärme diffus in der wohnung ausgebreitet hat (so zentralheizungswärme ist irgendwie nie ganz adäquat), ist der bademantel zum verzichtbaren objekt geworden. ich mein, er ist immer noch ein freundliches kleidungsstück, und aufgrund seiner geschichte noch nicht ganz in die kategorie möve-katalog abgerutscht, wo bademäntel feilgeboten werden für leute, die sowas eigentlich nicht brauchen, ausser sie verbringen tatsächlich darin den sonntagmorgen (wie im katalog suggeriert) oder haben furchtbar angst davor, blutt in der wohnung rumzulaufen. mein bademantel ist vom gebrauchsgegenstand zum erinnerungsgegenstand mutiert.



> technik, aufgerüstet auf den nachkriegszustand > ausgestorben, leider > wo sind meine sandalen (etc.)
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fehlschluss

es gibt ja frauen des typs: ein bisschen pummelig, unförmiges gesicht, dünnes haar, aber mit witz, wacher aufmerksamkeit und einem warmen blick, und diese frauen leben dann zuweilen mit unsäglich asozialen typen zusammen und tolerieren jahrelang deren untreue und unzuverlässigkeit, schlechtes benehmen und aufbrauserei, mit der begründung, dass sie halt nicht so schön seien und deshalb keinen anderen finden. ich verstehe das nicht. wo, bitte, sind denn all die freundlichen männer mit dickem bärenbauch, ganzkörperbehaarung, schiefen zähnen und krummer nase? machen die das immer noch mit statussymbolen wett, so dass tatsächlich nur noch die ahnsehnlichen arschlöcher übrigbleiben? oder ist die schieflage der beziehung und des arguments bloss ein willkommenes alibi, das über den unglaublich seltenen zufall hinwegtäuscht, jemanden zu finden, den man wirklich mag - und vice versa?

> von erotik nichts verstanden > selbstbetrug > ein schwieriges thema
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17.11.08

kajak

das schöne an roman signers kunst ist, dass jeder sie versteht. im helmhaus stand so ein 6jähriger mit fasziniert-kennerhaftem blick vor der videoinstallation "kajak", wo signer mit helm und töffausrüstung in eben so einem kajak drin sitzt und sich an einem seil von einem lieferwagen einen steinigen feldweg entlangschleifen lässt (aufdi aufdermauer filmt aus dem lieferwagen rückwärts), es ist irgendwo im rheintal, links der binnenkanal, und zwischen kanal und weg noch so ein streifen land, darauf ein paar rinder, die das irgendwie auch ganz toll finden, wenn auch bitz abwegig wahrscheinlich, aber sie lassen sich das gaudi nicht entgehen und galopieren dann einfach mal mit. so geht das eine ganze weile, bei gutem tempo, der bueb findet die sache cool. irgendwann winkt signer ab, es wird gebremst und ausgestiegen und das kajak umgedreht, und da sieht man dann den schaden: ein riesiges loch im boden, auch bereits löcher in der innenauskleidung, der zwischenraum voll kies und dreck, das wird dann mal ausgeschüttet. schnitt. das video beginnt von vorn. bueb: "kann er jetzt schon wieder fahren?!"wunder des alltags.



roman signer: kajak, 2000.

> glaubwürdig, unglaubwürdig > gnostiker > agnostiker > state: reverberated
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02.11.08

kein friedhof



> vexierbild > assoziation > trügerische szenen > se débrouiller
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aerobatischer stil oder: l'art de peter

schopenhauer konnte sich wunderbar ereifern über alle, die mit einem überladenen stil zu verbergen suchen, dass ihnen schlicht der gedanke fehlt.

"Den deutschen Schriftstellern" (er meint v.a. die idealisten: fichte, schelling, hegel, noch schlimmer: die hegelianer) "würde durchgängig die Einsicht zu Statten kommen, dass man zwar, wo möglich, denken soll wie ein grosser Geist, hingegen die selbe Sprache reden wie jeder Andere. Wir finden sie nämlich, umgekehrt, bemüht, triviale Begriffe in vornehme Worte zu hüllen und ihre sehr gewöhnlichen Gedanken in die ungewöhnlichsten Ausdrücke, die gesuchtesten, preziosesten und seltsamsten Redensarten zu kleiden. Hinsichtlich dieses Wohlgefallens am Bombast, überhaupt am hochtrabenden, aufgedunsenen, pretiösen, hyperbolischen und aerobatischen Stile, ist ihr Typus der Fähnrich PISTOL, dem sein Freund FALLSTAFF ein Mal ungeduldig zuruft: 'sage was du zu sagen hast, wie ein Mensch aus dieser Welt!' – Liebhabern von Beispielen widme ich folgende Anzeige: 'Nächstens erscheint in unserm Verlage: Theoretisch-praktisch wissenschaftliche Physiologie, Pathologie und Therapie der sogenannten Blähungen, worin diese, in ihrem organischen Zusammenhange, ihrem Seyn und Wesen nach, wie auch mit allen sie bedingenden, äussern und innern, kausalen Momenten, in der ganzen Fülle ihrer Erscheinungen und Bethätigungen, sowohl für das allgemein menschliche, als für das wissenschaftliche Bewusstseyn, systematisch dargelegt werden: eine freie, mit berichtigenden Anmerkungen und erläuternden Exkursen ausgestattete Übertragung des Französischen Werkes: l'art de peter.'"

arthur schopenhauer: parerga und paralipomena II. zürich, haffmanns 1988,
§283. (zusammengestellt in: über schriftstellerei und stil, hrsg. von ludger lütkehaus. berlin, alexander verlag 2003.)

> headless rider headless horse > accessoires > gnostiker unter sich > agnostiker mit sich > pierre bayle > alexithymie > global village idiot
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hi, how are you?



daniel johnston, el lokal, 30. oktober 2008
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28.10.08

intelligente urteile im konkreten

"Alle ernsthaften Verwirrungen des Lebens lassen sich auf die wirkliche Schwierigkeit zurückführen, ein Urteil über die Werte der Situation zu bilden; sie lassen sich auf einen Güterkonflikt zurückführen. Nur Dogmatismus kann vermuten, dass es einen ernsthaften moralischen Konflikt zwischen etwas sichtlich Schlechtem und etwas gibt, das als gut erkannt ist, und dass die Unsicherheit gänzlich im Willen des Wählenden liege. Die meisten Konflikte von Bedeutung sind Konflikte zwischen Dingen, die befriedigend sind oder waren, nicht zwischen Gut und Schlecht. Und wenn wir glauben, dass wir ein für allemal eine umfassende hierarchische Wertetafel aufstellen könnten, eine Art Katalog, in der sie in einer Ordnung von ab- oder aufsteigendem Wert angeordnet sind, dann bemänteln wir nur unsere Unfähigkeit, intelligente Urteile im Konkreten zu fällen."

john dewey: die suche nach der gewissheit. frankfurt a.m. 1998: 266.

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25.10.08

accessoires

habe mich auf der suche nach einer kordel (kordeln sind glaubs ausgestorben, in den arg geschrumpften näh- und bastelabteilungen der warenhäuser schicken sie einen schuhbändel kaufen, oder bergseile, als ersatz) auch in jene gegend verirrt, in der man so genannte wohnaccessoires kaufen kann. wohnaccessoires! teure vasen im jumboformat, lange braune stäbe in terracottakübeln, fläschchen mit farbigem irgendwas drin, und alles NUR FÜR SCHÖN! alles hat die einzige aufgabe, zuhause dann zu verkünden: ich bin zierde, hier hat man geschmack (was für einen auch immer), hier hält man was auf sich, hier wohnt man schöner. seltsame vorstellung, dass das zuhauf in irgendwelchen wohungen rumsteht (und das wird es ja, denn wenn man die verkaufsflächen vergleicht, halten sich garderobe, haushaltwaren, parfüm- und schminkzeux im schweizer durschnitthaushalt mit dem massengefertigten dekoschrott ungefähr die waage).







> gnostiker unter sich > weniger wohnen > urbi et orbi > waschsalon > putenengel

20.10.08

hirschfaktor

wissenschaft war ja schon immer eine gebirgige landschaft, mit piks und abgründen, mit abgegrasten wiesen und dunklen schattenhängen, und nicht immer ist die aussicht grandios. auch unter den gipfelstürmer haben wenige den überblick, man erkennt allenfalls den nächsten berg, gefällt sich als eremit oder bleibt sonst auf der strecke. wo das juchzen schon schwerfällt, darf man jetzt wenigsten röhren: nach dem intelligenzquotient und dem bodymassindex gilt es nun auch den hirschfaktor zu ermitteln, mit einem einfachen, von herrn hirsch erfundenen algorithmus: "ein wissenschaftler hat einen index h, wenn h von seinen insgesamt n veröffentlichungen mindestens jeweils h Zitierungen haben und die anderen (n-h) publikationen weniger als h zitierungen." soweit so gut. was drin steht in den texten ist vollkommen egal. es gilt einzig die frage zu operationalisieren: wer ist der platzhirsch?


> RÄTSEL MINUS LÖSUNG = INTELLIGENT DESIGN? > idiot > ei ente resultat > evidenz > smartass remark > morosophie > ganzgescheitganzdumm
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16.09.08

finanzkrise

ein kommentar zur aktuellen finanzkrise. leider kenn ich mich da so schlecht aus, dass ich bloss zur kenntnis nehmen kann, was so rapportiert wird: «die angst geht um» (ZEIT online), «langsam wird es nervensache» (tages-anzeiger), «das drama geht weiter» (20 minuten) und von der wall street wird gemeldet: «hier ist nichts mehr sicher» (spiegel online). grosser ausverkauf! «ein forschungsinstitut nach dem anderen senkt die wachstumsprognosen» (tages-anzeiger). die berechnung der zukunft wird also an die gegenwärtigen ereignisse angepasst, die spekulanten an den trendforschungsinstituten tun es den spekulanten an den börsen gleich und setzen mal auf abwärtstrend. und da muss ich bitz an sibylle berg denken, die letzhin zug gefahren ist, erste klasse nach irgendwo, und folgendes berichtete:  

"teakfakefurnier, hochgeschwindigkeit. warum sieht es immer so aus, wie es immer aussieht, wenn es teuer aussehen soll? feine tuche, gesichter in granit gehauen: entscheidungsträger. laut in mobile telefone redend. zeit ist geld, aber nicht ihres. einer schnauft, als liefe er den new-york-marathon. macht er sicher auch. denn ewig leben ist die devise. also schnaufen, tippen, innehalten, aus dem fenster sehen, die welt begreifen, und wieder ein wort. was tut der da, was schreibt er in den computer. notizen für eine vorstandssitzung. ins reine bringt das dann die sekretärin. da steht allen ernstes: 'ziel 2008: umsätze erhöhen.' nein, wie originell. weiter steht da zeug wie: 'unit, reibungsverluste, brainstorming, effizienz.' wahnsinn! da sitzt ein spitzenkader, sicher eine million franken salär in der krokotasche, und schreibt worthülsen in seinen laptop. nicht zum ersten mal, aber deutlich in neonfarbe begreife ich: DIE WISSEN ALLE NICHT, WAS SIE TUN. die menschheit ist die rasse, die sich vermutlich am meisten überschätzt. (notiz in meinem laptop: tiere dazu befragen!)"

> die wüste lebt! > existenzrisiko und prävention > tiere, wild und zahm > ei ente resultat > idiot > das tier sind wir I > das tier sind wir II
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12.09.08

sicherheitsabstand

am post-, bank- und bahnschalter existiert ein ausgeklügeltes system, das diejenigen, die ihre anliegen vortragen von denjenigen trennt, die noch darauf warten, mit irgend einem nummerierten zettel in der hand, hinter einer diskretionslinie. ganz anders in der apotheke. da heisst es links und rechts: hallo, ich hab da so ein ekzem, hämorrhoiden, windpocken, fusspilz etc., was können sie mir denn so empfehlen? hätte gern die pille danach, brauche mein methadonzeux, vielen dank, auf wiedersehen. hat sich je irgend ein ethnologe bemüht herauszufinden, was das für eine gesellschaft ist, die ein ticket von a nach b seriöser behandelt als irgendwelche infektiösen sachen?

> seltsam, sehr > ethnograph > wunderliche reise > global village idiot > waschsalon > alexithymie
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ferienlaune

horkheimer hatte zuweilen diese luziden und ein wenig bösen momente. dann schrieb er eine notiz, z.b. über die ferienlaune: 

"Der Begriff 'Ferienlaune' denunziert den Alltag wie die Ferien und das Leben, das in sie auseinanderfällt. Dass man das Glück als eine der Zeit anzupassende Stimmung empfindet, lässt erkennen, wie weit es damit her ist: vorgeschriebenes Glück. Dem Alltag aber gebührt das Possenspiel des Ernstes, der von sich weiss, dass das Glück anderswo zu suchen ist. So haben sich die Menschen zu unserer Zeit ihr Dasein eingerichtet!"

max horkheimer: notizen 1949-1969. gesammelte schriften bd 6, frankfurt a.m. 1991: 230.

> clearwater beach > waschsalon > woraus ein leben so besteht > verlust, gewinn
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10.09.08

die wüste lebt!








> suchbild > urbi et orbi (aus stadt und land) > leben/life

pix: courtesy of p.k.

09.09.08

change management

man trifft immer wieder menschen, die ihren alltag an den maximen des change management ausrichten: allpott eine neue frisur, einen neuen beruf, ein neues gerät, einen neuen freund (es gibt ja so unzählige möglichkeiten, man könnte glatt etwas verpassen, würde man sich nicht die eine oder andere abwechslung gönnen von zeit zu zeit). da kann man sich dann also im spiegel wiederzuerkennen versuchen, arbeitsroutinen einüben, bedienungsanleitungen studieren und die ganze öde neue verwandtschaft kennenlernen. ich muss gestehen, ich verstehe das nicht. zu liebgewonnenen sachen habe ich ein sehr konservatives verhältnis (und lieb hab ich das, woran ich gewöhnt bin, so geht das vice versa hin und her in angenehmer vertrautheit). eines der einschneidensten ereignisse meiner kindheit: der unwiederbringliche verlust von fünfkornflocken. so zeug, das aussah wie hauchdünne papierfötzeli, die konnte man mit milch zu einem weissgrauen matsch aufgiessen und ordentlich zuckern und das hab ich zum frühstück und zum zvieri gegessen und habe bis heute keinen ersatz gefunden dafür. dieser süssliche geschmack nach nichts, dieses zarte gefühl auf der zunge, und dann ab und zu die überraschung einer nuss oder sowas ähnlichem. die flöckli haben jahrelang meinen tag strukturiert, bis die migros dann eben irgendwann ende der 80er jahre entschieden hat, dass sich mein verzehr produktions- und buchhaltungstechnisch nicht mehr lohnt und fünfkornflocken ersatzlos aus dem sortiment gestrichen hat. ich war fassungslos. und staune heute noch ungläubig, mit welcher leichtigkeit andere ihre teddybären entsorgen, nach china auswandern, ihre wohnung umstellen, sich verlieben und trennen und so weiter und überhaupt in ihrem leben rumwerkeln als wäre die welt ein logistikzentrum.

> teddybear syndrom > hysterie > ei ente resultat > tagebuch > erinnern und vergessen
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01.09.08

woraus ein leben so besteht

es gibt ja diese seltenen situationen, in denen ein wunsch in erfüllung geht, von dem man gar nicht wusste, dass man ihn hatte. oder es werden ungeahnte eigene pläne durchkreuzt, die im augenblick ihrer annulation überhaupt erst ins bewusstsein vordringen: so hätte das sein können, sein sollen, und so ist das jetzt eben nicht mehr. da weiss man dann, das leben macht so manches mit einem, ohne dass man es darum gebeten hätte. und all die grossen bögen, aus denen das leben vermeintlich besteht, die hat man dann auch verpasst. hatte keine blühende jugend, hat nicht geheiratet, kein haus gekauft, keinen traumberuf ergriffen. immerhin ein paar zeugnisse und zertifikate bekommen, eine zentralheizung oder ein kind, falten und cellulitis (woher so plötzlich, keine ahnung), ist auf ein paar berge gestiegen und in ein paar länder geflogen und so zeux, und so geht das dann langsam vorbei, dieses leben. und da muss man doch wieder mal festhalten: so ein leben ist keine exponentielle kurve, sondern eine relativ unmotivierte gestrichelte linie. ein leben besteht im wesentlichen aus tagen. und entsprechend geht es darum, am morgen aufzustehen, am abend ins bett zu gehen und die zeit dazwischen irgendwie gut rumzubringen.

> himmel und hölle > leiterlispiel > eile mit weile > geist und gemüse > altlasten > hühnerepiphanie
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07.06.08

verlust & gewinn

mal abgesehen von der rein ökonomischen kapitalakkumulation ist es immer wieder erstaunlich, wie unvorhersehbar das persönliche glück daherkommt. selbstverständlich gibt es eine reihe von techniken und verfahren, die der kognitiven und emotionalen gewinnmaximierung dienen – grundschule, pflichtlektüre, paartherapie –, aber was weiss man schon über den effekt im einzelnen fall? standardisiert ist immer bloss das verfahren; das ergebnis ist offen. dieses risiko in bezug auf den ausgang wird im dschungel von angebot und nachfrage aber so erfolgreich verdrängt, dass manche heute ans lernen glauben wie früher an den samichlaus: man sagt sein versli auf und bekommt einen sack voll nüsse, man liest das richtige buch und wartet auf den geistesblitz.

> leben/life > misslingen > urbi et orbi > smartass remark > geist und gemüse > perpetuum mobile > zum leidwesen vieler: annemarie schwarzenbach
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05.06.08

existenzrisiko

"Der Mensch ist ein riskantes Lebewesen, das sich selbst misslingen kann. (...) Der Mensch ist die verkörperte Unwahrscheinlichkeit. Er ist das Tier, das trotzdem lebt."

hans blumenberg: die beschreibung des menschen. frankfurt a.m. 2006: 550.
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11.05.08

vernissage

es gehört ja zum guten ton, dass gewisse ereignisse einen schlechten ruf haben, z.b. vernissagen. da lümmeln adrette menschen (mit einem berechneten hauch extravaganz) vor dekorativ aufgehängten gestalterischen erzeugnissen herum, über die man im katalog zur ausstellung lesen kann, dass der künstler xy "etwas zeigt, was er im zeigen zugleich wieder verbirgt", dass er "malend über das malen nachdenkt" und dabei "sich selbst erkundet, erkennt" und dergleichen mehr, so dass man sich schon ganz getröstet fühlt, wenn einem beim anblick der bilder auch nichts schlaues einfallen will. immer interessant ist dafür die preisliste. da erfährt man doch etwas über des künstlers selbsteinschätzung bezüglich marktwert, schliesslich ist, was die preisbildung anbelangt, nirgends so wenig transparenz und so viel handgelenkmalpi wie in der kunst. nach dem rundgang zurück ins entree. da wird grosszügig weisswein ausgeschenkt, in grossen gläsernen blumenvasen stecken gemüseschnipsel, die man in sosse tunken kann, es gibt wasabi-erdnüsse und lachshäppchen, und da muss man doch zugeben: vernissagen sind so übel nicht. meist sind die menschen auch ganz nett, was an der feierabendstimmung liegen mag, und während sich andere gerade auf für laien komplett unverständliche weise im chat mit unsichtbaren exemplaren derselben spezies unterhalten, ist hier noch echter smalltalk möglich.

> klare regeln > stress bewältigen > klappentext > guguus, dadaa
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